Abendandacht Nr. 8


Guten Abend,

es sind aufgewühlte und stürmische Zeiten, die wir durchleben. Nicht nur der schneidend-kalte Ostwind, der uns heute begleitete. Die Coronakrise, die über unser Land, ja über die ganze Welt geht, ist wie ein Orkan, der Angst macht. Fragen stehen wie Wellenberge vor mir:
„Wann legt sich dieser Sturm denn endlich wieder?“
„Welche Folgen hat das für meinen Arbeitsplatz und für unser Land?“
„Was, wenn auch ich infiziert werde?“
„Warum hilft denn Gott nicht, schläft er?“

Als sich die Freunde Jesu nach einem arbeitsreichen Tag schlagartig den Fallwinden auf dem See Genezaret gegenübersehen und das Unwetter ungebremst ihr kleines Boot erfasst, kamen ihnen ähnliche Gedanken. Jesus lag im Boot und schlief. Während sie ruderten, Wasser schöpften und all ihr Können und ihre Erfahrung in die Waagschale warfen, schlief er. Am Ende ihrer Kräfte  und ihres Lateins riefen sie: Meister, wach auf, kümmert es dich denn nicht, dass wir umkommen? Jesus stand auf, hob seine Hände, bedrohte den Sturm, indem er sprach: „Schweig und verstumme!“ und der Wind legte sich augenblicklich.

In den Stürmen und Ängsten meines Lebens, will ich mich bei Jesus bergen. Das Kissen auf dem Jesus liegt, hat auch Platz für dich und mich. Jesus hat alle Orkane (selbst den, der mich gerade ängstigt) unter Seiner Kontrolle. Bei IHM kann ich alle meine Sorgen und Nöte loslassen. ER ist nur ein Gebet weit entfernt von mir. ER hat immer Rufbereitschaft.

Der „Sturmbericht“ eines italienischen Arztes hat mich heute sehr beeindruckt: „Niemals in meinen dunkelsten Albträumen habe ich mir vorgestellt, dass ich sehen und erleben könnte, was hier in unserem Krankenhaus seit drei Wochen geschieht. Der Alptraum fließt, der Fluss wird immer größer und größer. Am Anfang kamen einige von ihnen, dann Dutzende und dann Hunderte, und jetzt sind wir keine Ärzte mehr, sondern wir sind zu Sortierern auf dem Band geworden, und wir entscheiden, wer leben undwer zum Sterben nach Hause geschickt werden soll, obwohl all diese Menschen ihr ganzes Leben lang italienische Steuern gezahlt haben. Bis vor zwei Wochen waren meine Kollegen und ich Atheisten; das war normal, weil wir Ärzte sind und gelernt haben, dass die Wissenschaft die Gegenwart Gottes ausschließt. Ich habe immer über den Kirchgang meiner Eltern gelacht.

Vor neun Tagen kam ein 75 Jahre alter Pastor zu uns; er war ein freundlicher Mann, er hatte ernsthafte Atembeschwerden, aber er hatte eine Bibel bei sich, und wir waren beeindruckt, dass er sie den Sterbenden vorlas und ihre Hände hielt. Wir waren alle müde, entmutigt, psychisch und physisch erschöpft, als wir Zeit hatten, ihm zuzuhören. Jetzt müssen wir zugeben: Wir als Menschen sind an unsere Grenzen gestoßen, mehr können wir nicht tun, und jeden Tag sterben mehr und mehr Menschen.

Wir sind erschöpft, wir haben zwei Kollegen, die gestorben sind, und andere sind infiziert worden. Wir haben erkannt, dass dort, wo das, was der Mensch tun kann, endet, wir Gott brauchen, und wir haben begonnen, Ihn um Hilfe zu bitten, wenn wir ein paar Minuten Zeit haben; wir reden miteinander, und wir können nicht glauben, dass wir als wilde Atheisten jetzt jeden Tag auf der Suche nach unserem Frieden sind und den Herrn bitten, uns beim Widerstand zu helfen, damit wir uns um die Kranken kümmern können.

Gestern starb der 75-jährige Pastor, der bis heute, obwohl wir hier in drei Wochen mehr als 120 Tote hatten und wir alle erschöpft, zerstört waren, es geschafft hatte, uns trotz seines Zustands und unserer Schwierigkeiten einen FRIEDEN zu bringen, den wir nicht mehr zu finden hofften. Der Pastor ist zum Herrn gegangen, und bald werden auch wir ihm folgen, wenn er so weitergeht.

Ich war seit 6 Tagen nicht zu Hause. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt gegessen habe, und mir wird meine Nutzlosigkeit auf dieser Erde bewusst, und ich möchte meinen letzten Atemzug der Hilfe für andere widmen. Ich bin glücklich, zu Gott zurückgekehrt zu sein, während ich vom Leiden und Tod meiner Mitmenschen umgeben bin.“



Euer

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