Abendandacht Nr. 9


Guten Abend,

die heutigen Statements, ob bei uns oder in den USA, das öffentliche Leben wieder hoch zu fahren, wirken auf mich wie eine Frühlingshoffnung, die den Sommer herbeisehnt. Endlich aus der Erstarrung ausbrechen und wieder die ganze Kraft und den Spaß zurückgewinnen. Endlich wieder ins alltägliche Leben eintauchen. Endlich wieder tun und lassen können, was man will. Ohne Angst vor Ansteckung. Ohne schlechtes Gewissen auf Schwache und Hilfsbedürftige. Ohne über das Große und Ganze und meine eigene Endlichkeit nachdenken zu müssen.

So sehr ich mich selbst auch wieder auf die „Normalität“ freue, bin ich zutiefst überzeugt, dass es wichtig ist, die Lektionen zu lernen, die wir eben nur in Not- und Krisenzeiten lernen können. Wieder zu entdecken und das in mir verankern, dass ich eben doch nicht alles im Griff habe. Dass ich Fürsorge und Achtsamkeit für meine schwachen und notleidenden Mitmenschen übernehme.

Dass ich mich in meiner Bedürftigkeit und Schwachheit an den lebendigen Gott im Gebet wenden kann. Dass da wirklich einer ist, der mir den tieferen Sinn meines Seins erklären will und dadurch meine Oberflächlichkeit,  meine Ichbezogenheit und schlafendes Gewissen geweckt wird. Diesen, vielleicht seit vielen Jahren, zugewachsenen Pfad zu roden – die persönliche Stille und Zwiesprache mit Gott. IHM zu danken. IHN anzubeten. Bei IHM mein ganzes Herz ausschütten zu können. Jesus lädt uns ein: „Kommt her,zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe geben!“

Ein Ausspruch von Dietrich Bonhoeffer hat mich heute sehr angesprochen. Er schrieb:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen.

Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf IHN verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“


In diesem Sinne, einen guten Abend.

Euer

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