Abendandacht Nr. 27


Guten Abend,

es ist der 18. November 1995. Die Avery Fisher Hall in New York ist bis auf den letzten Platz besetzt. Alle warten gespannt auf Itzak Perlman, den begnadeten Musiker. Das Orchester ist bereit. Dann kommt er. Es fällt ihm schwer die wenigen Meter über die Bühne bis zu seinem Platz zu gehen. Durch eine Kinderlähmung kann er sich mühsam mit Metallstützen an den Beinen und Krücken fortbewegen. Angekommen, nimmt er die Stützen ab und legt die Krücken zur Seite.

Er hebt seine Violine hoch, nickt dem Dirigenten zu, und fängt an zu spielen. Nach einigen Takten knallt es, wie bei einem Pistolenschuss. Jedermann weiß, dass jetzt eine Saite seiner Violine gerissen ist. Das Konzert muss unterbrochen, eine neue Saite geholt und aufgezogen werden oder Itzak müsste auf einem Ersatzinstrument weiterspielen. Es ist unmöglich, die Partitur mit nur drei Saiten zu spielen. Wie wird sich der Musiker entscheiden?

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Im Saal herrscht Stille. Itzak schließt die Augen und nach einem kurzen Augenblick dreht er sich mit seiner dreiseitigen Violine in der Hand zum Dirigenten und nickt ihm zu.

Der dirigiert genau an der gleichen Stelle weiter und Itzak spielt eine unglaubliche Symphonie mit nur drei Saiten. Er ändert und komponiert während seines Spiels neu. Nach dem Schlusston herrscht absolute Stille. Dann springen die Zuhörer auf und applaudieren unter Tränen. So etwas hat es noch nie gegeben.

Itzak hebt den Violinenbogen und bittet das Publikum um Ruhe. Dann sagt er: „Manchmal ist es die Aufgabe eines Künstlers herauszufinden, wie viel Musik er noch machen kann, mit dem Wenigen, was noch übrig ist."

Bei vielen Menschen, vielleicht auch bei dir, ist eine Saite des Lebens gerissen. Du bist in einer Lebenssituation, die so unerwartet kam. Du hast jemanden oder etwas verloren und es wird nie mehr wiederkehren. Es schmerzt, lähmt, frustriert und ängstigt dich. Du hattest dir alles anders vorgestellt. Wie viel Musik, um bei dem Beispiel von vorhin zu bleiben, kannst du noch aus deinem Leben machen, mit dem Wenigen, was du noch hast? Und dann kommt mir in den Sinn: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ aus Psalm 23.

Bei Gott geborgen trotz aller widrigen Lebensumstände. Er möchte aus deinem Leben eine neue wunderbare Symphonie machen. Gerade, weil es nur noch drei Saiten in deinem Leben gibt. Wieder sind da die Verse aus Psalm 23: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein."

Das wünsche ich auch dir am Ende dieses Tages.


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