Abendandacht Nr. 70


Guten Abend,

normalerweise wird nie so viel gesungen und Musik gehört wie an der Advents- und Weihnachtszeit. Dieses Corona- Jahr bildet da eine schmerzliche Ausnahme. Viele singen selbst oder hören fasziniert auf die Klänge des Weihnachtsoratoriums. Andere verdrehen gequält die Augen, wenn schon wieder „O Tannenbaum“ aus den Lautsprechern im Kaufhaus dudelt. Gerade jetzt werden Lieder wertvoll, die eine Geschichte haben. Die zeigen, dass Weihnachten mehr ist als nur das stupide Abspulen von Traditionen. Gott ist Mensch geworden – und das ist wirklich ein Grund zum Singen.

Der Dreißigjährige Krieg war eine mehr als unruhige Zeit. Eine ganze Generation lebte in der ständigen Unsicherheit, wie es weitergehen würde. Der Krieg stand immer vor der Tür. Friede war für Viele ein Fremdwort. In dieser Zeit arbeitete Georg Weissel, Theologe und Musiker, als Pfarrer an der neuerbauten Rossgärtnerschen Kirche im ostpreussischen Königsberg. Eigentlich gab es nur wenig Anlass, zu hoffen. Doch Weissel stellte sich den schwierigen Zeiten. Er hoffte, dass die biblische Zusage Auswirkungen auf die Realität hätte. Er verfasste zahlreiche Lieder. Bis heute ist aber eines besonders bekannt:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.


Zur Einweihung der neuen Altrossgärtner Kirche und der eigenen Amtseinführung verfasste Weissel unter anderem seine bekannte Vertonung von Psalm 24. Er selbst beschreibt die Entstehung folgendermaßen:

„Neulich, als der starke Nordoststurm von der nahen Küste herüberwehte und viel Schnee mit sich brachte, hatte ich in der Nähe des Domes zu tun. Die Schneeflocken klatschten den Menschen auf der Straße gegen das Gesicht, als wollten sie ihnen die Augen zukleben. Mit mir strebten deshalb noch mehr Leute dem Dom zu, um Schutz zu suchen. Der freundliche und humorvolle Küster öffnete uns die Tür mit einer tiefen Verbeugung und sagte: 'Willkommen im Hause des Herrn! Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner! Sollen wir nicht hinausgehen auf die Straßen, an die Zäune und alle hereinholen, die kommen wollen? Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen!“ Weissel bedankte sich beim Küster: „Er hat mir eben eine ausgezeichnete Predigt gehalten!“ So entstand am selben Abend das bekannte Weihnachtslied.

Allerdings gab es dabei einen Wermutstropfen. Neben der Kirche wohnte der reiche Geschäftsmann Sturgis. Wegen der unruhigen Zeiten hatte er sein Grundstück abgesichert und mit Toren abgeschlossen. Natürlich war dies sein gutes Recht, doch gerade hinter seinem Grundstück befand sich das Armen- und Siechenheim des Ortes. Die Menschen, die dort lebten, konnten nun nicht mehr auf kurzem Wege in die Stadt oder die Kirche gehen. Sie mussten einen weiten Umweg nehmen. Viele hatten so keine Möglichkeit mehr, am Gemeindeleben teilzunehmen. Georg Weissel hätte das hinnehmen können, doch das wollte er nicht.

Am vierten Advent kam Weissel mit dem Chor zu Sturgis' Haus. Zahlreiche arme und gebrechliche Leute aus dem Armenhaus hatten sich ihm angeschlossen. Weissel selbst hielt eine kurze Predigt. Er hatte seine Stelle erst angetreten und stand vor der Haustür eines der reichsten Gemeindeglieder. Aber er sprach davon, dass viele Menschen dem König aller Könige, dem Kind in der Krippe, die Tore ihres Herzens versperrten, sodass er bei ihnen nicht einziehen könne. Und er wurde sehr konkret: „Heute, lieber Herr Sturgis, steht er vor eurem verriegelten Tor. Ich rate euch, ich flehe euch an bei eurer Seele Seligkeit, öffnet ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor eures Herzens und lasst ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist!“ Dann sang der Chor: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit…“

Der Geschäftsmann stand da wie vom Donner gerührt. Noch bevor das Lied verklungen war, griff er in die Tasche und holte den Schlüssel zum Tor heraus. Er sperrte die Pforten wieder auf und sie wurden nie mehr verschlossen. So öffnete sich für die Heimbewohner wieder der Weg zur Kirche, der im Ort noch lange Zeit „Adventsweg“ genannt wurde.

Wie steht es mit dir? Bist du offen, um Jesus Zugangs- und Bleiberecht in deinem Leben zu geben?


Mit herzlichen Grüßen,


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